Die Afrikaaner sind jene Nachfahren holländischer, deutscher, wallonischer und französischer Siedler, die seit 1652 vom Kap der guten Hoffnung aus Südafrika besiedelten. Somit sind die Afrikaaner schon länger Teil ihres Kontinents als die meisten heutigen US-Amerikaner.

Nicht umsonst gelten sie auch unter Schwarzafrikanern als einziger weißer Stamm Afrikas. Die Afrikaaner waren und sind deshalb kein Kolonialvolk, sondern einheimische Afrikaner.

Afrikaans, die Muttersprache der Afrikaaner, gilt als die jüngste germanische Sprache der Welt und entstand aus der Verschmelzung von niederländischen, französischen, deutschen und afrikanischen Sprachelementen.

Heute bilden die Afrikaaner eine Minderheit und stellen ca. 6% der südafrikanischen Gesamtbevölkerung (Volkszählung 2001).

Tiroler und Afrikaaner

Südafrika ist bis heute ein Staat, in dem mehrere Volksgruppen leben. Neben schwarzafrikanischen Völkern sind es Inder, Malaien, gemischtrassige Südafrikaner (so genannte „Coloureds“) und Südafrikaner europäischer Abstammung, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts an der Südspitze Afrikas siedeln.

Im Jahr 1652 landete ein holländisches Expeditionsschiff der Vereinigten Ostindischen Kompanie am Kap der Guten Hoffnung, um dort eine Versorgungsstation an dieser für die Schifffahrt strategisch wichtigen Stelle zu errichten. Diese Versorgungsstation zog europäische Siedler an, die mit der einheimischen Khoisan-Bevölkerung in einem Wechselspiel aus friedlichem Handel und kriegerischen Auseinandersetzungen lebten. Die Europäer stammten zwar in der Mehrzahl aus den Niederlanden, es gab aber auch eine starke Minderheit an französischen und deutschen Einwanderern – darunter auch Tiroler. Historisch belegt ist Nikolaus Vogtmann. Der Meraner wanderte im Jahr 1660 in das damalige Kapland aus und heiratete eine Bürgerstochter aus Kapstadt. Unter dem Namen Claas Vegtmann wurde er ein freier Bürger („Vryburger“) und Landwirt. Die “Vryburger“ am Kap waren freie Bauern und Bürger, ein Umstand der die Europäer verschiedener Abstammung schon bald ein eigenes Nationalbewusstsein ausbilden ließ: im Jahr 1707 gab Henrik Biebouw, der erst 17-jährige Sohn eines Vryburgers, in einem Gerichtsverfahren dem niederländischen Landrichter folgendes zur Antwort:

„Ich lasse mich nicht verjagen, ich bin ein Afrikaaner, selbst wenn der Herr Richter mich totschlägt oder ins Gefängnis steckt werde ich nicht schweigen.”

Nur 55 Jahre nach der Landung der Vereinigten Ostindischen Kompanie fühlten sich die europäischstämmigen Siedler nicht mehr ihren Herkunftsländern verbunden, sondern dem Kontinent, in dem sie lebten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich in Anlehnung an das Niederländische und mit Einflüssen aus der deutschen, französischen und malaiischen Sprache die eigenständige Sprache „Afrikaans“ und „Afrikaaner“ wurde zur Selbstbezeichnung der Einwohner europäischer Abstammung. In Europa werden sie bis heute im allgemeinen „Buren“ genannt.

Die napoleonischen Kriege warfen ihren Schatten auch auf Afrika. 1795 besetzte Großbritannien das Kapland aus strategischen Gründen und schloss es nach dem Wiener Kongress mit Zustimmung der europäischen Großmächte dem britischen Empire an. Die Briten versuchten die eingesessenen Afrikaaner schrittweise zu anglisieren: 1820 wurden 5.000 englische Veteranen im Kapland angesiedelt, 1828 Afrikaans als Amtssprache und 1832 als Gerichtssprache verboten. Aus Protest dagegen zogen deshalb ab 1834 Tausende von Afrikaanern als so genannte „Voortrekker“ mit ihren schweren Planwagen in das Landesinnere, um in Freiheit ihre Kultur und Sprache leben zu können. Dabei trafen sie auf schwarzafrikanische Bantuvölker, die zum Teil schon seit Jahrhunderten, zum Teil erst seit kurzem in das Hinterland des heutigen Südafrika eingewandert waren. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Voortrekkern und den Bantus begleiteten die Gründung mehrerer „Burenrepubliken“, die ab 1843 entstanden.

Die historischen Burenrepubliken: Stellaland und Goshen, Natalia, Vrijheid, Oranje und Südafrikanische Republik (Transvaal). Bis auf Oranje und Transvaal wurden alle Republiken zwischen 1843 und 1885 vom britischen Empire annektiert.
Eine der seltensten Briefmarken der Welt: die 1 Penny Briefmarke der Republik Stellaland.

Trotz des permanenten Konflikts mit den einheimischen schwarzafrikanischen Völkerschaften ging die größte Gefahr für die Unabhängigkeit der Burenrepubliken von der Kolonialmacht Großbritannien aus. Die Briten waren bestrebt, ein durchgehendes Kolonialreich von Ägypten bis nach Kapstadt zu errichten, um den afrikanischen Kontinent zu kontrollieren. Die beiden Burenrepuliken Oranje und Transvaal (offiziell „Südafrikanische Republik“ genannt) standen ihnen dabei im Wege. Insbesondere der britische Finanzier, Industrielle und Visionär Cecil Rhodes träumte von einer britischen Kolonie zwischen Kairo und dem Kap der Guten Hoffnung. Schließlich brach im Oktober 1899 der offene Krieg aus. Die Buren waren der Weltmacht Großbritannien militärisch hoffnungslos unterlegen, dennoch gelang es ihnen in der ersten Phase des Krieges den Briten empfindliche Niederlagen zuzufügen. Die Siege der Buren wurden in Europa begeistert gefeiert. Obwohl sich die europäischen Staaten offiziell neutral verhielten, war die öffentliche Meinung in Österreich-Ungarn, Frankreich, Deutschland, Belgien und natürlich den Niederlanden parteienübergreifend vom Freiheitswillen der kleinen Burenrepubliken beeindruckt und unterstützte diesen mit Solidaritätsbekundungen und Spendensammlungen.

In Tirol wurde dem Krieg im Tausende Kilometer entfernten Südafrika auch deshalb besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da man sich an den Freiheitskampf Andreas Hofers 1809 erinnert fühlte. In beiden Fällen stand ein kleines, bäuerlich geprägtes Volk gegen eine Großmacht, in beiden Fällen war die Ursache für den Freiheitskampf der Widerstand gegen einen imperialistischen Herrschaftsanspruch.

So erschien bereits im März 1900 in Meran eine Denkschrift des späteren Bezirkshauptmanns von Kitzbühel Alfred Lill Rastern von Lilienbach, in dem aus völkerrechtlicher Sicht die britische Aggression scharf verurteilt wurde. Das Büchlein erlebte mehrere Auflagen und war in akademischen Kreisen ausgesprochen populär.


Auch Intellektuelle setzten sich mit dem Krieg auseinander: der bayrische Volksschriftsteller Ludwig Thoma gab gemeinsam mit namhaften Künstlern, darunter Franz von Defregger, die Publikation „Der Burenkrieg“ heraus, in der mit Grafiken, Gedichten und Kurzgeschichten für die burische Sache geworben wurde. Es war die zweite Veröffentlichung des Autors der „Lausbubengeschichten“. Defregger gehörte außerdem dem Vorstand des „Deutschen Burenhilfsfonds“ an, einer Organisation, die Spenden für die burische Zivilbevölkerung sammelte.

Franz von Defregger und Ludwig Thoma – die beiden Intellektuellen veröffentlichten gemeinsam das Buch „Der Burenkrieg“, es war Ludwig Thomas zweite Veröffentlichung.

Der Jungtiroler Dichter Anton Renk (1871-1906) gab im radikalliberalen Scherer-Verlag in Innsbruck die Gedichtsammlung „Tiroler und Buren“ heraus.

Der Jungtiroler Lyriker Anton Renk fühlte sich in besonderem Maße dem Freiheitskampf der Afrikaaner gegen die britischen Imperialisten verbunden. 1901 veröffentlichte er den Gedichtband „Tiroler und Buren“ in dem er die Parallelen zwischen Tiroler Freiheitskampf und Burenkrieg hervorhob.

Der Bozner Burenverein

In Bozen bildete sich schon im Dezember 1899 eine lockere Runde, die bald als „Bozner Burenecke“ von sich reden machte. Der kleine Verein hatte sein Quartier im damaligen Hotel „Walther von der Vogelweide – Kamposch“ am Bozner Waltherplatz (heute Sitz der Banca nazionale del lavoro) und tat sich vor allem durch Vorträge, Teilnahme an Kundgebungen und Spendensammlungen hervor. Über das rege Vereinsleben berichteten damals ausführlich vor allem die „Bozner Nachrichten“, allerdings war der Burenkrieg für alle Blätter, unabhängig ihrer Ausrichtung, ein Anliegen ersten Ranges. Wesentliche Unterschiede bei der Bewertung des Krieges waren dabei, trotz aller weltanschaulichen Differenzen zwischen den Zeitungen, kaum auszumachen. Den Bozner Burenfreunden gelang es dabei sogar, überregional Aufsehen zu erregen.

Im Februar 1901 erschien die damals sehr populäre Wiener Zeitung „Das interessante Blatt“ mit einer fotografischen Darstellung des Burenvereins. Das war insofern eine Besonderheit, da um die Jahrhundertwende Zeitungen keine Fotografien druckten, bzw. das „Interessante Blatt“ war eine der ersten Zeitungen der k.u.k. Monarchie, die dieses Stilmittel einsetzte. Die folgende Aufnahme der „Boeren-Ecke in Bozen” ist aus diesem Grunde eine besondere Rarität – damals wie heute. Der Artikel erschien in der Ausgabe Nr. 7 vom Februar 1901; der Text lautet folgendermassen:

Die Boeren-Ecke in Bozen. Noch immer wütet der Krieg; Wenn er auch nicht mehr officiell als solcher gilt, in Südafrika, heldenmüthig wehren sich die Boeren gegen die englische Übermacht … Gleich bei Beginn des südafrikanischen Krieges bildeten sich in vielen Städten Deutschlands und auch in unserer Monarchie Gesellschaftsgruppen, welche in der Achtung für die Boeren das gemeinsame Band hatten. Auch in der südlichsten deutschen Stadt Tirols, in Bozen, entstand eine Tischgesellschaft, die den Namen „Bozner Boeren, Walther von der Vogelweide“ führt und warme Sympathien für das tapfere Boerenvolk fühlt und dessen Erfolge und Missgeschicke mit warmer Antheilnahme verfolgte. Dieselbe hat ihren Sitz in den bekannten Hotel „Walther von der Vogelweide“. Ein hübsches Souterrainlocal ist der Versammlungsort, das jetzt bereits zu einem land- und stadtbekannten Stelldichein für alle Boerenfreunde von Nah’ und Ferne geworden ist. Das mit unzähligen Ansichtskarten, die der Gesellschaft von lieben Freunden gespendet wurden, geschmückte Heim hat unter seinen Besuchern auch illustre Namen aufzuweisen die am Boerentische saßen und die Thaten der wackeren Boeren besprachen. Die Wände der Stammtische zieren Erinnerungen an den Boerenkrieg und selbstverständlich fehlt das Bild des Präsidenten Krüger nicht. Unser heutiges Bild zeigt die Boerenecke, die Vorstehung des Vereins und in der Mitte den von Afrika zurückgekehrten Boeren-Commandanten Anton von Goldegg.“

Ein besonderer Coup gelang den Bozner Burenfreunden im Dezember 1900, als man eine Solidaritätsadresse an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik Paulus Kruger verfasste und in Bozen zur Unterschrift auflegte. Es unterschrieben mehr als 300 Personen. Erstunterzeichner waren der damalige Bozner Bürgermeister Julius Perathoner und der Gemeinderat und Weingroßhändler Heinrich Lun. Die Solidaritätsadresse wurde dem Gesandten der Republik Transvaal in Holland überreicht und ist bis heute im Kruger House Museum in Pretoria ausgestellt. Hier umseitig ist, nach Wissen des Verfassers, erstmals eine fotografische Abbildung dieser „Bozner Burendeklaration“ zu sehen. Hier der Inhalt:

„An den hochedlen Staatspräsidenten der Südafrikanischen Republik, S.I.P. Krüger.

Herr Präsident! Seit mehr als Jahresfrist, mit dem Beginne des Kampfes, der Ihrem Volke gegen die Übermacht der Engländer aufgezwungen wurde, verfolgt die Bevölkerung der südlichsten deutschen Stadt Europas mit staunender Bewunderung die Heldenthaten Ihres Volkes. Der Kampf, den Ihr Volk gegen die Bedrücker führt, erinnert uns in allen seinen Phasen an das blutige Ringen, welches unsere wehrhaften Tiroler Bauern zu Anfang dieses Jahrhunderts, anno 1809 gegen den Übermuth Napoleons aufgezwungen war. Um so besser verstehen wir die Kraft und den Heldenmuth zu schätzen, mit dem Ihr Volk für seine Existenz kämpft, mit dem es Gut und Blut opfert für die heimische, sauer erworbene Scholle. In Bewunderung der Heldengröße Ihres Volkes und in Bewunderung Ihrer persönlichen Eigenschaften, welche selbst der Feind schätzen muss, zeichnen sich unter Versicherung der unauslöschlichen Sympathie:

Dr. Julius Perathoner, Bürgermeister

Heinrich Lun, Gemeinderath“

Auch in der „Bozner Burendeklaration“ wird die Verbindung zwischen dem Tiroler Freiheitskampf und dem Krieg in Südafrika hervorgehoben, die ganz offensichtlich die Tiroler damals besonders berührte.
Der Bozner Burenverein blieb auch in der Folgezeit nicht untätig: er hielt vor allem Kontakt zu jenem Südtiroler, der den Burenkrieg am eigenen Leib miterlebte: Anton von Goldegg und Lindenburg aus Partschins.

Anton von Goldegg – Ein Tiroler Burenkommandant
Anton von Goldegg und Lindenburg, ehemaliger Oberleutnant der k.u.k. Ulanen, begab sich im Jänner 1900 in Begleitung seiner Schwester Emma über Schleichwege nach Pretoria und trat als Freiwilliger in die Milizarmee der Südafrikanischen Republik ein, während seine Schwester sich dem Deutschen Roten Kreuz als Krankenpflegerin anschloss. Ungewöhnlich war dieser Schritt nicht: die verbreitete Sympathie für die Burenrepubliken zog tausende Freiwillige aus Europa an, die aus unterschiedlichen Motiven gegen den britischen Imperialismus kämpften.
Deutsche, Iren, Skandinavier, Franzosen, Italiener und Russen stellten Freikorps auf und selbst die neutralen Schweizer beteiligten sich mit einem Feldlazarett auf Seiten der Afrikaaner.

Anton von Goldegg (Pfeil) nach seiner Rückkehr im Kreise europäischer Freiwilliger im Burenkrieg. Diese tragen zum Zeichen der Solidarität den „Burenhut“.

Anton von Goldegg kam also als einer von vielen Freiwilligen nach Südafrika und es gelang ihm aufgrund seiner militärischen Fähigkeiten innerhalb kürzester Zeit, vom einfachen Kundschafter zum Anführer einer eigenständigen Einheit aufzusteigen. Das „Kommando Goldegg“ (auch „Österreichisches Freikorps“ genannt) bestand im Sommer 1900 aus ca. 150 Mann.

Besondere Verdienste erwarb sich diese österreichische Einheit unter Tiroler Führung bei der Schlacht von Dalmanutha im August 1900. In exponierter Stellung an vorderster Front hielten die österreichischen Freiwilligen gemeinsam mit einer Einheit aus Johannesburger Polizisten starken britischem Artilleriebeschuss stand und sicherten bei fortgesetzten Infanterieangriffen den Abzug der burischen Armee. Der österreichische Historiker und Univ. Prof. Dr. Erwin A. Schmidl berichtet in seiner 1984 erschienen Dissertation über die Schlacht:

„Mit bewundernswerter Tapferkeit hielten sie (die Polizisten und Österreicher, Anm.) den ganzen Tag über schwerstem Geschützfeuer stand; als sie gegen 15 Uhr aber doch die Position räumen mussten, ließen sie 14 Tote und 19 Verwundete zurück, lediglich 35 Mann konnten sich zu den dahinter liegenden Linien der Buren durchschlagen.“ (Schmidl, Österreicher im Burenkrieg, phil. Diss., Wien 1984)

Der russische Oberst Maximoff mit einem Burenkämpfer.

Als die Briten nach der Besetzung der beiden Hauptstädte Pretoria und Bloemfontein die Burenrepubliken staatsrechtlich zum Teil des britischen Empire erklärten, änderte sich die Situation der ausländischen Freiwilligen auf burischer Seite schlagartig. Bisher waren sie Soldaten zweier unabhängiger Republiken gewesen und somit bei Gefangennahme durch die Briten vom Kriegsvölkerrecht geschützt. Nun bestand die Gefahr, dass die Briten die ausländischen Freiwilligen als Rebellen behandeln würden, die im Falle einer Gefangennahme mit sofortiger Hinrichtung zu rechnen hatten.

Goldegg und seine Einheit wichen deshalb in die portugiesische Kolonie Mozambique aus und traten von dort die Heimkehr an. Goldegg wurde vom Bozner Burenverein am 6. Jänner 1901 ehrenvoll empfangen und hielt später Vorträge über seine Erlebnisse im Burenkrieg. Er starb 1926 in Partschins. Sein Grab befindet sich gleich neben demjenigen des bekanntesten Partschinsers Peter Mitterhofer, dem Erfinder der Schreibmaschine.

Finnisches Freiwilligenbatallion in Transvaal.
Aufruf an die französischen Freiwilligen in Transvaal von Kommandant De Villebois-Mareuil, der 1901 fiel.
Das Grab des Burenkommandanten Anton von Goldegg und Lindenburg am Partschinser Friedhof (Pfeil), nur knapp neben der Grabstätte Peter Mitterhofers, des Erfinders der Schreibmaschine.
Artikel aus den „Bozner Nachrichten“ vom 2. Dezember 1900 über den Rückzug Goldeggs nach Mozambique, daneben ein Foto von Anton und Emma von Goldegg und Lindenburg (eigene Zusammenstellung).
Britisches Konzentrationslager bei Bloemfontein, 1901.

Der Krieg in Südafrika aber wütete weiter: die Buren, in offener Feldschlacht ohne Chance, gingen zum Guerillakrieg über. Die Briten reagierten mit einer bisher nicht gekannten Brutalität. Der britische Oberbefehlshaber Kitchener befahl eine Politik der verbrannten Erde gegen die burische Zivilbevölkerung, die er schließlich in „concentration camps“ internieren ließ. Die Todesrate vor allem unter Kindern war erschreckend: insgesamt 28.000 Menschen starben an Hunger und Seuchen in diesen ersten Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts. Zahlenmäßig unterlegen, von Versorgungslinien abgeschnitten und unter immer stärkeren Druck durch die brutale britische Kriegführung, mussten die Buren 1902 kapitulieren.

Ein Opfer der Strategie der „Verbrannten Erde“. Die erst 7 jährige Lizzie van Zyl starb 1901 und wurde zum Symbol für die Grausamkeit der britischen Kriegführung.


Jan Christiaan Smuts – ein Freund Südtirols

Der Dank für die Hilfe und Solidarität, die die Afrikaaner auch aus Tirol erfuhren, sollte Jahrzehnte später in einem für Südtirol entscheidenden Moment von Seiten eines prominenten Afrikaaners erstattet werden.
Noch bevor der II. Weltkrieg in Europa zu Ende ging, verfolgten in Südtirol die Gegner des Nationalsozialismus mit Kanonikus Michael Gamper an der Spitze das klare Ziel, Südtirol nach Kriegsende wieder mit Österreich zu vereinen. Der wichtigste „Alliierte“ bei diesem Unterfangen war der südafrikanische Ministerpräsident und ehemalige General des Burenkrieges, Feldmarschall Jan Christiaan Smuts.

Smuts verlangte bereits am 8. August 1945 auf einer Konferenz der britischen Dominions Kanada, Neuseeland, Australien und Südafrika, dass die Rückkehr Südtirols zu Österreich als Forderung des britischen Empire an Italien gestellt werden sollte. Selbstverständlich war diese Haltung nicht: in den Monaten nach Kriegsende wurden ca. 15 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben, mindestens 3 Millionen kamen ums Leben. Und ausgerechnet eine kleine deutsche Volksgruppe im Norden Italiens stellte Forderungen!

Smuts hielt trotz dieser aussichtslosen Lage an der Unterstützung der Südtiroler fest: als er seine Position zwar in der Dominionkonferenz durchsetzen konnte, aber an den realpolitischen Ränkespielen der alliierten Verbündeten Sowjetunion und USA scheiterte, drängte er auf eine Autonomielösung für Südtirol ohne das Trentino und zählte zu den verlässlichsten Verbündeten der jungen Südtiroler Volkspartei und der österreichischen Delegation.

Brief des Obmannes der Südtiroler Volkspartei Erich Amonn und des Parteisekretärs Dr. Josef Raffeiner an General Smuts vom Juli 1946 mit dem Ersuchen um Unterstützung im Rahmen der Friedenskonferenz.

Der Südtiroler Teilnehmer an der Friedenskonferenz, der ehemalige KZ-Häftling, Antifaschist und Dableiber Dr. Friedl Volgger erinnert sich:

„You believe still in justice?“ – der Afrikaaner Jan Christiaan Smuts (1870-1950), ein verlässlicher Freund Südtirols bei der entscheidenden Verhandlung über den Pariser Vertrag 1946.

„Er (Smuts, Anm.) erzählte uns, wie er während der Burenkriege die Lebensbeschreibung Andreas Hofers gelesen und daraus immer wieder Mut für die Verteidigung seines Volkes gegen die Engländer geschöpft habe. … Der Marschall riet uns dringend, in Ergänzung des provisorischen Wortlautes des Art. 10 des Friedensvertragsentwurfs mit Italien, welcher nur den freien Personen- und Warenverkehr zwischen Nord- und Osttirol beinhalte, noch einen Absatz hinzufügen zu lassen, der eine Selbstverwaltung des Landes unter internationaler Kontrolle und Garantie vorsehe. Wir ließen natürlich so schnell nicht locker und beriefen uns immer wieder auf die internationale Gerechtigkeit und die Atlantik-Charta. Der weise alte Herr sah uns bei diesen Äußerungen etwas mitleidig an und fragte schließlich: You believe still in justice – Ihr glaubt noch an Gerechtigkeit?“ (Volgger, Mit Südtirol am Scheideweg, Bozen 1984, S. 162f)

Insbesondere legte Smuts Wert darauf, dass eine Art Freihandelszone zwischen Nord- und Südtirol geschaffen werde. Diese Bestimmung fand schließlich auch Eingang in das so genannte „Gruber-Degasperi-Abkommen“ und bildete die Grundlage für die später „Accordino“ genannte wirtschaftliche Zusammenarbeit Südtirols mit Österreich. Mit einem konnte sich Smuts aber nicht durchsetzen: Südtirol wurde die Autonomie nur im Verbund mit dem Trentino zugesprochen. Der südafrikanische Ministerpräsident, der übrigens der einzige Staatsmann war, der die Friedensverträge nach beiden Weltkriegen für Südafrika unterzeichnete, hatte mit seiner Befürchtung Recht behalten: der politische Ausgleich kam erst Jahrzehnte später, nach der faktischen Trennung der beiden Provinzen Trentino und Südtirol zu Stande.

Das Abkommen zwischen Italien und Österreich aber, das einen Bestandteil des Friedensvertrages zwischen den alliierten Siegermächten und Italien bildet, ist bis heute die internationale Grundlage der Selbstverwaltung Südtirols und damit ein Eckpfeiler unserer heutigen Autonomie.

An ihrem Entstehen war auch Jan Christian Smuts beteiligt.

Ein Afrikaaner, dem bewußt war, dass gerade in schwierigster Stunde eine kleine Volksgruppe Freunde braucht.




Literaturauswahl:
Thomas Pakenham, The Boer War, London 1979.
Erwin A. Schmidl, Österreicher im Burenkrieg, phil. Diss., Wien 1984.
Hermann Giliomee, The Afrikaners – Biography of a people, Kapstadt 2003.
Helga Kostka (Hg), Seiner Zeit, Graz 2007.
Steffen Bender, Der Burenkrieg und die deutschsprachige Presse, Paderborn 2009.
Friedl Volgger, Mit Südtirol am Scheideweg, Bozen 1984.
Helmut Golowitsch/Walter Fierlinger, Kapitulation in Paris, Nürnberg 1989.
Michael Gehler, Verspielte Selbstbestimmung?, Innsbruck 1996.